F³ Kreativwirtschaft

Ich wurde Solar-Architektin. Ich konnte nicht anders

Als junge Frau wollte Birgit Abrecht die Umwelt schützen. Heute ist sie immer noch Klimaaktivistin - und außerdem Mutter, Arbeitgeberin und renommierte Architektin für energiesparendes Bauen und Modernisieren.

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Irgendwo im Haus liegt sie noch herum: die Ausgabe des Magazins Spiegel aus dem Jahr 1986 mit dem Kölner Dom auf dem Titelblatt, der von einer Wasserflut verschlungen wird. Wenn man die Chefin des Büros für Solararchitektur in der Schwarzwald-Gemeinde Keltern fragt, wie sie vor fast 20 Jahren auf die Idee kam, sich auf eine Bauweise zu spezialisieren, für die es damals noch gar keinen Markt gab; woher die Existenzgründerin den Mut nahm, Aufträge abzulehnen, nur weil sie die Bauherren nicht von einer energiesparenden Bauweise überzeugen konnte, dann fällt ihr diese apokalyptische Titelgeschichte ein. „Ich konnte nicht anders“ sagt sie dann.

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Heute ist die 46-Jährige die Arbeitgeberin zweier Mitarbeiter, in der Zukunftsbranche Niedrigenergiebau ist sie ein bekannter Name, und ihre ökologische Überzeugung vertritt sie nicht weniger kompromisslos als damals. Anfang der 90-er Jahre, als junge Mutter, plante und baute Birgit Abrecht für ihre Familie ein Wohnhaus nach höchsten energetischen Standards. Im Jahr 1994 erhielt das zylinderförmige Gebäude mit seinen dreifach verglasten Fenstern, seiner transparenten Dämmung und der überwiegend solaren Beheizung den Europäischen Solarpreis. Für Familie Abrecht ist es heute ein Zuhause, der Architektin Abrecht dient es als Arbeitsplatz, Kundenberatungsstelle und architektonische Visitenkarte. Hier kann sie Familienleben und Arbeitgeberpflichten so gut vereinbaren, dass sie auch als berufstätige dreifache Mutter nie auf die Hilfe von Tagesmüttern angewiesen war.

In der Männerwelt der Baubranche hat die zierliche Brünette sich durchzusetzen gelernt - schließlich hat sie als Bauleiterin schon gestandene Handwerker in luftdichten Bautechniken unterwiesen. Und das, obwohl sie in den ersten Jahren so jung aussah, dass sie oft für eine Praktikantin gehalten wurde. „Versuchen Sie mal, einem Bauarbeiter klarzumachen, dass er eine Wand noch mal bauen soll!“, schmunzelt Abrecht heute. „Aber man wächst dran.“ Inzwischen, glaubt sie, wenden sich immer mehr Bauherren gerade deshalb an sie, weil sie eine Frau ist. Weil sie die Höhen und Tiefen des Niedrigenergie-Hausbaus aus eigener Erfahrung kennt und nicht verbirgt. Weil eine Führung sogar durch den privaten Wohnbereich ein Teil ihrer Fachberatung ist. Denn das macht ihre Fachkompetenz vertrauenswürdig.

Die Selbstständigkeit, die Birgit Abrecht mit der traumwandlerischen Sicherheit einer Überzeugungstäterin gewählt hat, erwies sich für sie als optimales Lebensmodell. Ehemann Stefan als Maschinenbauingenieur und Spezialist für Solarthermie ist technischer Fachberater, Mitverdiener und Kinderbetreuer in einer Person. Und Birgit Abrechts Engagement für energiesparendes Bauen, das sie bundesweit in Fachvorträgen und Seminaren bewirbt und für das sie in Umweltverbänden und Arbeitskreisen kämpft, hat sich als hervorragendes Akquiseinstrument für neue Bauaufträge erwiesen. Die Lebensumstände hatten sich wie von selbst gefügt. Und das Geschäftsmodell war robust genug, sogar eine schwere Lebenskrise zu überstehen.

Im Jahr 2001 erkrankte ihr vierjähriger Sohn Magnus. Der Arzt diagnostizierte einen unheilbaren Tumor. Von da an lebte die Architektin nur noch für ihren Sohn. Sie pflegte ihn bis zu seinem Tod. Danach wollte sie alleine sein. Unten, in der Büroetage, arbeiteten die beiden Mitarbeiter weiter an den laufenden Projekten - doch Birgit Abrecht fand den Weg in die Arbeit nicht zurück.

Nach zwei Jahren waren alle Aufträge abgearbeitet, die Büromitarbeiter fürchteten um ihre Arbeitsplätze. Immer häufiger sprachen sie mit ihrer Sorge bei Birgit Abrecht vor. Und eines Tages spürte sie, dass sie die Zügel jetzt in die Hand nehmen musste. Sie begann, wieder Vorträge zu halten, startete systematische Mailing-Aktionen, focussierte sich stärker als vorher auf die energetische Altbau-Sanierung. Im Jahr 2004 war das Büro für Solararchitektur zurück am Markt.

“Als mein Sohn starb, wurde mir klar, dass wir nie wissen, wieviel Zeit uns noch bleibt – egal wie alt wir sind“, sagt Birgit Abrecht heute. Darum will sie von ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung so viel weitergeben wie sie nur kann. „Im Energie sparen liegt unsere Zukunft. Das sollen Bauherren wissen, bevor sie Entscheidungen treffen.“