F³ Kreativwirtschaft

Kunst, Kommerz und Klinkenputzen

Der Kunstmarkt-Aktien schnellen in die Höhe, viele Künstlerinnen und Künstler aber leben am Existenzminimum. Dabei bietet der moderne Kunstbetrieb gerade für Frauen neue Vermarktungs-Möglichkeiten. Die Galeristin Ricarda Fox weist neue Wege in den Kunstmarkt.

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"Ich möchte diesen Weg nutzen, um mich als Künstler bei Ihnen vorzustellen. Auf meiner Homepage finden Sie meine Malerei- und Fotoarbeiten". Von solchen profillosen E-Mails bekommt Ricarda Fox täglich mehrere, die meisten löscht die 57-Jährige ungeprüft. Während ihrer 15 Jahre als Galeristin hat sie viele Geschichten erlebt mit namenlosen Künstlern, die Sammel-Bewerbungen streuen, um irgendwie an eine kaufkräftige Öffentlichkeit zu kommen.. Bewerber, die nicht einmal das Profil der Galerie kennen, bei der sie gern ausstellen würden. Ehefrauen, die im Namen ihrer Männer einen Telefonkontakt anbahnen wollen. Künstler, die Sympathie heischend ihre kleinen Kinder vorschicken, um das Ergebnis eines Vorstellungsgespräches zu erfragen. Sie alle, weiß Ricarda Fox, agieren an diesem sehr spezifischen Markt vorbei. Ein Markt, auf dem nicht nur mit Kunstwerken, sondern vor allem mit einem bestimmten Lebensstil gehandelt wird. Bei dem es um Werte wie geistige Freiheit, Individualismus, Erhabenheit und nicht zuletzt auch um das Vorzeigen materiellen Wohlstands geht. "Wer Geld in Kunst investiert, der will sich nicht nur ein Bild über das Sofa hängen", weiß Ricarda Fox aus 15-Jähriger Erfahrung mit Kunstkäufern. "Er will ein Stückchen dieser Aura nach Hause mitnehmen."

Die Galerie Fox hat ihren Schwerpunkt in der realistisch expressiven Malerei. Ihren Sitz hat sie in Mülheim an der Ruhr, in der ehemaligen Kfz-Halle einer Kaserne. Es ist eine großzügige Ausstellungshalle von zwölf Metern Länge, in der Ricarda Fox selbst eine Loft bewohnt; mehr Kunstsalon als ein klassischer Ausstellungsraum. Er bietet Raum für den ambitionierten Diskurs, ist Umschlagplatz für die Werke und Treffpunkt für Künstler und Kunstliebhaber, für Sponsoren und Multiplikatoren. Außerdem initiiert und organisiert sie seit Jahren spartenübergreifende Kunst-Events: Eine Präsentation der Essener Galerien in Kunstcontainern auf dem Kennedyplatz in Essen (2001), eine Wanderausstellung zum Thema Boxen und Kunst (Boxarenen in Hamburg, Berlin, Köln)1995, ein interdisziplinäres Projekt mit Wissenschaftlern und Künstlern in der Zeche Zollverein 2001 und viele andere mehr. Werke nicht nur zu präsentieren, sondern sie – durchaus verkaufsfördernd - zu inszenieren, darin sieht Ricarda Fox die Aufgabe eines modernen Galeristen. "Gute Künstler bewerben sich nicht. Sie lassen sich finden", berichtet die Galeristin. Da sie weiß, wie verschlungen und vielfältig die Wege zum Künstlerruhm und damit zu einer Existenz sichernden Vermarktung sein können, bietet sie professionelle Coachings insbesondere für junge Künstlerinnen an. Auf regionalen Gründerinnen-Foren und Start-Up-Messen wird sie als Expertin für den Kunstmarkt geladen. "Wenn ein Existenzgründungsberater die spezifischen Mechanismen des Kunstmarktes nicht kennt, dann reden er und der Künstler aneinander vorbei." Neben Basiskenntnissen wie Mappenerstellung, Arbeit mit Kunstagenten und Kontaktaufnahme zu Kunst- Künstlervereinigungen und Galerien zeigt Ricarda Fox auch neue Wege vom Künstler zum Kunstunternehmer. Die Vermarktung von Werken als Full-Service-Gebrauchskunst ist eine Möglichkeit, das eigene künstlerische Schaffen rentabel zu machen – vom nachvollziehbar kalkulierten Preis über selbst organisierte Verkaufsausstellungen bis hin zur vollversicherten Lieferung an die Haustür.

Verkaufsfördernd, wenn nicht sogar unverzichtbar ist auch die Fähigkeit zu Kommunikation und Selbstinszenierung, nicht zuletzt um sich Medienöffentlichkeit zu verschaffen. Häufig praktiziert wird auch das Modellder Künstlernetzwerke, die über  selbst geführte Produzentengalerien, Kunstvereine und gemeinsame Messeauftritte die Aufmerksamkeit der Kundschaft auf sich lenken. Andere wiederum nutzen die eigene Kunst als Vehikel der Vernetzung mit anderen Lebensbereichen wie Wissenschaft, Musik, Sport oder Bildungseinrichtungen, die die Aufmerksamkeit neuer Kundengruppen auf das eigene Werk lenkt. Und immer mehr bauen sich in der Werbung ein zweites berufliches Standbein auf. "Es geht für die große Masse der Künstler zunächst nicht nur darum, den eigenen Stil an den Markt verkaufen zu wollen", sagt Ricarda Fox. "Sondern sich durch geschickte Anpassung den Rücken freizuhalten für das, was einem wirklich wichtig ist: Die Kunst."