F³ Kreativwirtschaft

„Ich will mehr sein als eine CD bei Saturn“
14 Milliarden Euro setzt die Musikindustrie jedes Jahr um. Doch für die Musiker selbst bleibt davon meist nur wenig übrig. Doch der Strukturwandel auf dem Markt bietet viele neue Möglichkeiten für erfolgreiche selbstständigkeit – das zeigen Unternehmerinnen wie die Rapperin Pyranja.

Download als PDF

„Ich erwarte zu viel, denn mein Karma ist deep / Ich mache nur, was ich lieb, auch wenn ich gar nichts verdien’!/ Was kann ich da schon verlieren, außer meinen Vertrag und den Deal? Alles nur Zahlenspiel, nur Kram auf Papier“, rappt die zierliche Blondine mit Kapuzenshirt in dem Song „Egal was ihr sagt“, während die Kamera, stylisch verwackelt, die Berliner Großstadtfassaden entlangfährt. Pyranja ist die Bekannteste in der unbekannten Szene deutschsprachiger Rapperinnen. Und die einzige, die ihre Songs mit einem eigenen Label vermarktet.

Image 

Das Rappen hat die heute 29-Jährige als Teenagerin gelernt, als sie noch mit ihrer Jungs-Clique auf den Spielplätzen von Rostock abhing. Sie - eher ein „Kumpeltyp“, wie sie selbst sagt - träumte von Konzerten und Plattenproduktionen, fetten Beats und guten Songs mit eigenen Texten. Und von Videoclips, die ohne das obligatorische Hüftwackeln im heißen Höschen auskommen, mit dem sich die derbe Männerwelt des Hip-Hop so gern schmückt.

Vier Jahre später schien dieser Traum zum Greifen nah. Im Jahr 2000, nach der erfolgreichen Veröffentlichung ihrer ersten EP „Im Kreis“, unterschrieb sie den Vertrag für ihr erstes Album: „Wurzeln und Flügel“. Die Songs waren abgemischt, das Cover erstellt, als der Chef des Musiklabels wechselte. Und der fragte sich: „Frauen-Rap – wer kauft denn so was?“. „Dann hat er mich rausgekantet“, erinnert sich Pyranja. Sie verklagte das Label auf Schadenersatz und gewann. Auf der Straße stand sie trotzdem. „Wurzeln und Flügel“ erschien mit einem halben Jahr Verspätung auf einem anderen Label, nach einer Odyssee durch Studios und Vorstandszimmer.

Aber als es herauskam, war es eine kleine Pressesensation: „Die fanden mich echt krass – und das nur, weil ich eine Frau bin.“ Auch ihr gemeinsames Album mit der Gruppe Ostblokk verschaffte ihr Respekt in der HipHop-Szene. Weitgehend unbemerkt blieb damals etwas anderes: dass Pyranja damals Menschen und Mechanismen des Musik-Business mit Luchsaugen studierte - Studioarbeit, Promotion, Vertragsbedingungen, Vertrieb. „Da passieren so viele Fehler – und das nur, weil die Manager bei ihren Geschäften nur das Firmengeld riskieren und nicht ihr eigenes.“

Da entschloss sie sich, es selbst besser zu machen. Sie pflegte ihre Geschäftskontakte ebenso sorgfältig wie ihre Beziehungen zur Presse. Mit befreundeten HipHoppern baute sie Musiker-Netzwerke auf, suchte und fand Sponsoren. „Ich dachte: Letztendlich bin ich auch nur eine CD bei Saturn. Wenn ich aus der Masse der Veröffentlichungen herausstechen will, dann muss ich mehr tun.“ 2004 ging das Independent-Label Pyranja Records auf den Markt, mit dem Album „Frauen und Technik“. „Da war ich auf einmal Label-Boss, Marketing-Chefin, Promo-Tussi, Controller, Product Manager und A&R in einer Person.“

Sie erschien pünktlich am Arbeitsplatz, lernte zu delegieren, durch ihre Hände liefen Summen in sechsstelliger Größenordnung. Für Promotion, Konzertmanagement, Verwaltung und Vertrieb beschäftigte sie bis zu vier Mitarbeiter – auf Honorarbasis oder mit Gewinnbeteiligung. So blieben die Investitionen überschaubar und ließen sich aus Sponsorengeldern finanzieren. Sie lernte, auch bei Achterbahnfahrten ihres Geschäftskontos ruhig zu bleiben. „Das ist doch normal: Monatelang nur Kosten, Kosten, Kosten, und auf einmal kommen dann die Euros um die Ecke.“

Die Studioarbeit machte sie mir ihren alten Ostblokk-Kollegen und anderen Freunden aus der HipHop-Szene. 2006 erschien „Laut und leise“. Die Teilnahme an Stefan Raabs Eurovision Song Contest, bei dem sie für Mecklenburg-Vorpommern teilnahm, machte Pyranja auch außerhalb der HipHop-Szene bekannt. Irgendwann aber merkte sie, dass es auf Dauer über die Kräfte geht, gleichzeit Chefin und Musikerin zu sein.

In geschäftlicher Hinsicht war das kein Problem. Denn mit Pyranja Records hatte Anja ein Unternehmen neuen Typs geschaffen, dessen Kern in einem Netzwerk an Geschäftskontakten und Kooperationspartnern besteht, das ohne feste Geschäftsräume, fixen Kostenapparat und Personalunterbau funktioniert und sich darum je nach Lust und Bedarf kurzfristig aufstocken und abbauen lässt. Zur Zeit ist es gerade auf Laptop-Größe geschrumpft. Pyranja brachte ihre Diplomarbeit zuende. Heute führt sie Schulprojekte und Rap-Workshops für Jugendliche durch, schreibt Fachaufsätze und Kolumnentexte, moderiert die Sendung „Soundgarden“ bei Radio Fritz. Sich umschauen, ausprobieren, Dinge geschehen lassen. Es ist eine schöne, entspannte Zeit – auch in musikalischer Hinsicht. „Das ist jetzt wieder fast wie früher. Mit den Jungs im Studio rumhängen, Beats bauen, ablachen bis der Arzt kommt – das ist HipHop!“, plaudert Pyranja. „Und wenn ich morgen früh aufwache und plötzlich Lust habe, eine neue Platte zu machen, dann brauche ich niemanden zu fragen. Dann fange ich direkt damit an.“