F³ Kreativwirtschaft

Die neuen Selbständigen

Ob Musikerin, Schriftstellerin, Künstlerin – immer mehr Frauen ziehen die Selbständigkeit in einem Kreativberuf dem Angestelltendasein vor. Die Zeiten dafür sind gut, denn der Markt wuchert. Doch wer darin Geld verdienen will, muss die ausgetretenen Pfade verlassen. Eine Workshop-Reihe zeigt neue Wege, wie man in seinem Traumberuf wirtschaftlich erfolgreich wird.

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In der HipHop-Szene kennt man sie als Jee-Nice, eigentlich heißt sie Jeannette Petri. Wenn man die 32-Jährige nach ihrem Beruf fragt, dann sagt sie: "Herausgeberin, Fotografin, Künstlerin, Journalistin und Deejay." Fragt man sie, wo sie zuhause ist, sagt sie: "Brüssel, Frankfurt und Paris". Und wenn man wissen will, womit sie ihr Geld verdient, hört man: "Mal sehen. Ich arbeite dran." Und in ihren Mundwinkeln zuckt ein stolzes Lächeln.

Vor zwei Jahren hat die gebürtige Düsseldorferin ihren Abschluss in Freier Kunst gemacht, an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, Fachrichtung Fotografie und Videokunst. Jetzt steckt sie in dieser eigenartigen Phase zwischen Uniabschluss und Karrierestart, in der für so viele Absolventen auf den akademischen Diskurs die bittere Erkenntnis folgt, dass sie ihre Werke den Galerien umsonst zur Verfügung stellen müssen - nur, um überhaupt ausgestellt zu werden. Jeannette Petri aber ist voller Elan. Seit 2005 bahnt sie sich mit hartnäckiger Zähigkeit ihren eigenen Weg - als Schöpferin und Herausgeberin eines Lifestyle-Magazins für HipHop-Aktivistinnen. „Anattitude“, eine eigenwillige Mischung aus Musikzeitschrift und Foto-Kunstband, porträtiert Rapperinnen, B-Girls, Graffitiwriterinnen und Deejays aus den europäischen Metropolen. Zwar weiß sie, dass sie in Business-Fragen, bei Marketing und Vertrieb, Finanzierung und Recht, noch Beratungsbedarf hat. Dennoch wächst mir ihrer Lust am Business auch die Überzeugung, dass sie weder als namenlose Angestellte in der Werbebranche noch als Kunst-Idealistin im Dauer-Existenzkampf enden wird – sondern als Unternehmerin.

Das neue Unternehmertum der Kreativen

Mit Jeannette Petri und den anderen Freiberuflerinnen und Kleinunternehmerinnen in der Kreativwirtschaft drängt eine neue Generation von Selbständigen auf den Markt: idealistisch und innovativ, risikofreudig und unkonventionell. Die so genannten Creative Industries, das ist die Domäne von Architektur und kulturellem Erbe, von darstellender und bildender Kunst, von Musik, Journalismus und Werbung, Grafik und Design, von Buch- und Pressemarkt sowie Games- und Software-Entwicklung. Der Idealisten-Berufe also, von denen Kinder träumen, und vor denen Eltern warnen. Berufe auf einem wachsenden Wirtschaftsmarkt.

Dabei sind die Märkte bislang oft schwierig: Ein Jahreseinkommen von gerade 9483 Euro gaben die weiblichen Versicherten der Künstlersozialkasse im Jahr 2007 an. Damit verdienten sie fast ein Viertel weniger als ihre ebenfalls dürftig bezahlten männlichen Berufskollegen. Doch der nicht selten prekären Lebensverhältnisse zum Trotz: Die Arbeitszufriedenheit ist auffallend hoch, das bestätigen Umfragen immer wieder. Denn den Kreativen zählt die Selbstentfaltung häufig mehr als der kommerzielle Erfolg, und Werte mehr als Wirtschaftlichkeit.

„Und doch waren die Chancen auf eine gestaltende und Existenz sichernde Selbständigkeit nie größer als heute“, das ist die Überzeugung der Berliner Unternehmensberaterin Angela Pritzkow. „Wird das kreative Produkt mit Marktorientierung und Managementfähigkeiten verbunden, führen viele Wege in den wirtschaftlichen Erfolg. Der Strukturwandel zur Dienstleistungs-, Informations- und Kommunikationsgesellschaft eröffnet neue Absatzmärkte, moderne Technologien bieten kostengünstige Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten, das Internet ist eine optimale Plattform für arbeitsteilige Netzwerkstrukturen.

Neue Märkte, neue Möglichkeiten

Pritzkow ist Inhaberin der F³ Marketingagentur und Initiatorin eines Projektes für Gründerinnen in der Kreativwirtschaft (www.f3-kreativwirtschaft.de), das vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie der EU, Europäischer Sozialfonds, gefördert wird: Bei „Ich allein?! Mehr als ich! Zukunft für Frauen – Selbständig in der Kreativwirtschaft“ bekommen Gründerinnen, Selbständige und Unternehmerinnen in eintägigen Workshops in den Kreativmetropolen Berlin, Hamburg, Köln und München branchenspezifisches Knowhow über Marketing und Vertrieb, Finanzierung und Geschäftsführung (Informationen unter www.f3-kreativwirtschaft.de). Neben einer Workshopreihe, die Gründerinnen und Unternehmerinnen Marketing- und Management-Wissen vermittelt, wird erstmals eine betriebswirtschaftliche bundesweite Befragung zur Situation der Selbständigen in der Kreativwirtschaft durchgeführt. Den motivierenden Rahmen bildet eine Ausstellung über erfolgreiche Unternehmerinnen.

 „Idealismus und wirtschaftlicher Erfolg passen zusammen – dann, wenn die Selbständige und Unternehmerin den Produktionsfaktor Kreativität mit Managementfähigkeiten und Marktorientierung verbindet und strategische Allianzen eingeht“, weiß Expertin Pritzkow aus langjähriger Beratungserfahrung. „Die richtige Kombination von auftragsbezogener Tätigkeit und eigenen Entwicklungen sowie Angeboten bietet wirtschaftliche Sicherheit.“ In vielen Branchen böten sich hervorragende Möglichkeiten, Familie und Beruf zu verbinden. Hinzu komme, dass die meist niedrigen Investitionen, die eine Existenzgründung erfordert, dem eher vorsichtigen Umgang von Frauen mit Geld entsprechen.

Rückenwind kommt jetzt auch verstärkt von der Bundesregierung: Ab dem Frühjahr will sie sich mit der „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft“ als aktive Förderin der Kreativen profilieren, Licht in das weitgehend unerforschte Marktgeschehen bringen und branchenspezifische Förder- und Beratungsprogramme auflegen.

Neue Pfade im Dschungel des Kreativmarktes

Geld wird dort verdient, wo Kreative neue Pfade durch den Dschungel des wuchernden Marktes schlagen. Mit innovativen Marketingstrategien und arbeitsteiligen Netzwerkmodellen erobern sie Märkte und bilden unternehmensähnliche Strukturen, die bei überschaubarem Geschäftsrisiko Existenz sichernd funktionieren und auf Wachstum ausgelegt sind. Bestes Beispiel ist die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA), ein Netzwerk aus Schriftstellern, Journalisten, Grafikern, Softwareentwickler und Web-Designern. Mit seiner Mitgliederstruktur aus „Agenten“, „Informellen Mitarbeitern“ und „Schläfern“ parodiert es den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA (Central Intelligence Agency). Sitz der ZIA ist Berlin, doch die Mitglieder kooperieren zwischen Peking und New Jersey. „Wir haben uns bemüht, eine Firma naturgetreu nachzubilden und dabei alles wegzulassen, was an Firmen nervt“, berichtet die Schriftstellerin Kathrin Passig, die die ZIA mit begründet hat. Öffentlichkeitswirksamkeit für alle Mitglieder entfaltete die ZIA, als Passig im Jahr 2006 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, und das ZIA-Weblog „Riesenmaschine“ kurz darauf mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus erlaubt die auftragsbezogene Teambildung eine effektive Arbeitsteilung, ohne die einzelnen Mitglieder langfristig zu binden, branchenübergreifende Fachkenntnisse und Beziehungen sind nützlich für die Neukundenakquise, der gemeinsame Auftritt unter dem Markennamen ZIA hilft bei Honorarverhandlungen. Und das alles, ohne nennenswerte Kosten zu produzieren: Da es sich fast ausschließlich um Online-Zusammenarbeit handelt, braucht die Agentur nicht einmal Geschäftsräume.

Ebenfalls ohne eigene Geschäftsräume ist Pyranja – die Bekannteste in der unbekannten Szene deutschsprachiger Rapperinnen. Die 29-jährige Rostockerin, die sich mit frechen Texten anstelle des branchenüblichen Hüftwackelns im HipHop einen Namen gemacht hat, vertreibt ihre Songs unter einem eigenen Independent-Label. Als Pyranja Records im Jahr 2004 an den Markt ging,  wurde sie von einer Honorar-abhängigen Rohstofflieferantin zur Unternehmenschefin. Das Label ist ein Unternehmen neuen Typs, das sich je nach Bedarf als Kleinbetrieb aufbauen oder auf Laptop-Größe zusammenfalten lässt. Während der Produktionsphasen beschäftigt Pyranja für Promotion, Konzertmanagement, Verwaltung und Vertrieb bis zu vier Personen – auf Honorarbasis oder mit Gewinnbeteiligung. So kommt Pyranja Records ohne fixen Kostenapparat und Personalunterbau aus, weil es im Kern ein Netzwerk aus Geschäftskontakten, Kooperationspartnern und befreundeten Musikern ist. Heute ist Pyranja heilfroh über ihre Entscheidung. „Monatelang produziert man nur Kosten, Kosten, Kosten. Und auf einmal kommen dann die Euros um die Ecke.“

Andrea Rehmsmeier

 

 

 

Kasten 1:

Zukunft für Frauen: Selbständig in der Kreativwirtschaft

Die bundesweite Workshopreihe „Ich allein? Mehr als ich?! Zukunft für Frauen – Selbständig in der Kreativwirtschaft“ ermutigt Frauen, die Chancen einer Selbständigkeit zu nutzen.

Dem Zukunftsmarkt Kreativwirtschaft widmet sich die F³ Marketingagentur mit einer Workshopreihe zur existenzsichernden Selbständigkeit, einer Ausstellung über erfolgreiche Unternehmerinnen und einer Analyse zu Gründung und Wachstum. Bei „Ich allein? Mehr als ich! Zukunft für Frauen – Selbständig in der Kreativwirtschaft“ erfahren Gründungsinteressierte, Selbständige oder Unternehmerinnen, wie Frauenunternehmen in der jeweiligen Branche der Kreativwirtschaft erfolgreich und nachhaltig gegründet werden und wachsen können. Begleitet von einer Ausstellung erfolgreicher Unternehmerinnen, finden die Workshops in den Kreativmetropolen Köln, Hamburg, Berlin und München statt:

·         Köln, 24. April 2008 - Musikwirtschaft und Bildende Kunst;

·         Hamburg, 29. Mai 2008 - Buch- und Pressemarkt sowie Werbung;

·         Berlin, 12. Juni 2008 - Designwirtschaft und Games-/Softwareentwicklung sowie Architektur und Kulturelles Erbe;

·         München, 26. Juni 2008 - Film- und Fernsehwirtschaft sowie Darstellende Kunst

Die  Workshop-Teilnahme kostet 50 Euro pro Veranstaltung. Weitere Informationen sind erhältlich im Internet unter www.f3-kreativwirtschaft.de, per e-mail Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können oder telefonisch unter 030-280 448 48.

 

 

Kasten 2:

Der unbekannte Wachstumsmarkt

Kreativwirtschaft in Zahlen und Fakten

Die Kreativwirtschaft ist bis heute in vielen Teilen ein weißer Fleck im deutschen Marktgeschehen: Wirtschaftsdaten werden nur vereinzelt und mit kaum vergleichbaren Parametern erhoben, über die steuerlich nicht erfassten Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 17 500 Euro ist so gut wie nichts bekannt - obwohl sie nach Schätzungen etwa 50 Prozent der Selbständigen ausmachen, die Wertschöpfungskette innerhalb der einzelnen Branchen ist nur wenig erforscht. Wo es aber Zahlen gibt, da offenbaren sie einen facettenreichen, personalintensiven und quicklebendigen Markt.

Die Begriffe “Kreativwirtschaft“, „Kulturwirtschaft“ und „Creative Industries“ sind nicht einheitlich. Im Allgemeinen versteht man unter Kreativwirtschaft die Branchen Architektur, bildende und darstellende Kunst, Musikwirtschaft, Buch und Pressemarkt, Design, Werbung, Filmwirtschaft sowie die Games- und Softwareentwicklung.

Der EU-Kulturministerrat hat die Kultur- und Kreativwirtschaft im vergangenen Jahr als Zukunftsmarkt und Motor für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze ausgemacht. Mit einem Anteil von 2,6 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt (2004) liegt die wirtschaftliche Bedeutung Kreativwirtschaft zwischen der Automobil- und der Chemieindustrie. Die Zahl der Arbeitsplätze, die hier geschaffen werden, ist im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre um beachtliche drei Prozent gestiegen. Und die Zahl der Unternehmen wächst dreimal schneller als die der Gesamtwirtschaft.

Rund 218 000 steuerpflichtige Unternehmen waren im Jahr 2006 in der deutschen Kreativwirtschaft aktiv. Vom Major über GmbHs bis zum Mikrounternehmen wurde insgesamt ein Umsatzvolumen von knapp 121 Milliarden Euro erwirtschaftet. Mikrounternehmen stellen drei Viertel Kreativwirtschaft: Mehr als 150 000 freiberufliche Büros und gewerbliche Kleinstunternehmen erzielten im Jahr 2005 ein Umsatzvolumen von rund 17 Milliarden Euro.

In allen Teilbereichen, außer dem Einzelhandel mit Bücher und Zeitschriften, nimmt die Anzahl der Selbständigen beziehungsweise Unternehmen zu. In einigen Bereichen (zum Beispiel Architektur-, Journalisten-/Nachrichtenbüros, Filmwirtschaft, Werbung) werden jedoch rückläufige Umsätze (weniger als 5 Prozent) durch die Jahre der Rezession verzeichnet. Im Bereich Filmwirtschaft wurde bereits bundespolitisch reagiert und ein Zuschussprogramm zur Unterstützung dieses Bereiches im Jahr 2007 gestartet. Die derzeit erfolgsreichste Branche innerhalb der Kreativwirtschaft ist die Designbranche: Sie wuchs zwischen 2004 und 2005 um 15,2 Prozent. Sie wird gefolgt von Journalisten- und Nachrichtenbüros (10,5 Prozent) und Software/Games (7,2 Prozent). Alle Wirtschaftszweige zusammen wuchsen im gleichen Zeitraum um 5,1 Prozent.

Eine der wenigen geschlechterdifferenzierten Erhebungen bietet der Berliner Kulturwirtschaftsbericht 2005: Von den über 90 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigen im Jahr 2002, lag der Frauenanteil bei rund 50 Prozent. Hohe Anteile weiblicher Beschäftigung wurden insbesondere im Kunstmarkt (77 Prozent), der Werbung (52 Prozent) sowie dem Buch- und Pressemarkt (52 Prozent) erreicht.

Untersuchungen, die bundesweit sowohl einen Überblick über Gründerinnen in der Kreativwirtschaft, in den einzelnen Branchen beziehungsweise Teilmärkten und Auskünfte über die betriebswirtschaftliche Verfasstheit dieser Unternehmen geben, fehlen. So wurden bisher die Teilmärkte auf ihre existenzsichernde Unterschiedlichkeit wenig analysiert. Die Unterschiedlichkeit besteht zum einen in der Regulierung sowie in den Zugangsmöglichkeiten und -barrieren, wie zum Beispiel beim Kapital und/oder Kundschaft. Die Schnelllebigkeit und Veränderlichkeit der Märkte unter Berücksichtigung des Faktors Kreativität erfordert hier unter anderem eine Analyse der Unternehmen und ihrer Absatzmöglichkeiten, um das Potenzial für Frauenunternehmen herauszukristallisieren.

Quellen: Destatis, Arbeitskreis Kulturstatistik, Künstersozialkasse, Bündnis 90/Die Grünen - Kulturwirtschaft und Creative Industries 2007, Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 31/2007, Kulturwirtschaftbericht Berlin 2005.